Sadtemper Typisch Ossi – typisch Wessi? Erinnerungen an eine getrennte Vergangenheit

Sadtemper Typisch Ossi – typisch Wessi? Erinnerungen an eine getrennte Vergangenheit

Nun folgt eine Zeitreise durch das Leben der Autorin Petra Reneé Meineke

Typisch Ossi – typisch Wessi? Erinnerungen an eine getrennte Vergangenheit

Wer mit jungen Menschen plaudert, die im bereits geeinten Deutschland geboren wurden, muss sich nicht wundern, wenn eines Tages die Frage auftaucht, was denn unter „typisch Ossi“ oder „typisch Wessi“ zu verstehen sei; und ob sich jemand an die getrennte Vergangenheit erinnern könne.

Anlass genug, in meinem Gedächtnis zu kramen und zu versuchen, zumindest die westliche Seite zu schildern. Da alles schon eine Weile her ist, sind meine Erinnerungen ebenso verschwommen wie subjektiv – aber vielleicht bringen sie uns der Antwort auf die Frage, was so typisch Ossi oder Wessi sein könnte, ein kleines Stückchen näher.

60er Jahre – All along the Watchtower (Jimmy Hendrix)

Ich bin in Goslar aufgewachsen, einem Städtchen im westlichen Harzvorland, nahe an der ost-west-deutschen Grenze, die quer durch den Harz verlief. Ich weiß noch, wie ich als Kind die Grenzzäune angestaunt habe, hinter denen angeblich auch Deutsche lebten, die wir jedoch niemals zu Gesicht bekommen würden. Meine Eltern haben mir damals erzählt, dass die Menschen dahinter auf eine bestimmte Art und Weise „gefangen“ wären; eine Art und Weise, die sie mir zwar erklärt haben, aber die ich zu diesem Zeitpunkt nicht verstand. Ich war noch sehr jung, und es war schwer, Deutschland „getrennt“ zu sehen, da wir das Ost-Fernsehen empfangen konnten, und da lief alles auf deutsch, sogar auf hochdeutsch, nur hin und wieder wurde berlinert. Und da man in diesem eingezäunten Land offenkundig deutsch sprach, hatte ich Schwierigkeiten zu begreifen, warum es unbedingt zwei Deutschlands geben musste.

Ost-TV habe ich gern gesehen. Da kamen richtig tolle Märchenfilme und Sportveranstaltungen (ich glaube, auf Sport wurde sehr viel Wert gelegt), und das Ost-Sandmännchen war viel cooler als das West-Sandmännchen; es sah außerdem auch viel besser aus. Konsequenterweise war ich nur mit Ost-Sandmännchen und Meister Nadelöhr, Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster überhaupt in Richtung Bett zu bewegen. Pitti wurde mein Spitzname, weil ich diesen frechen kleinen Kobold, der sich selbst stets als „Pittiplatsch, der Liiiieeebe“ bezeichnete, geliebt habe, und weil sich aus meinem Vornamen „Pitti“ gut ableiten ließ. Aus diesem Grunde bekam ich auch einen Plastik-Pittiplatsch geschenkt, den ich lange Zeit in Ehren gehalten habe. Später bekam ich noch ein Ost-Sandmännchen dazu. Wo die beiden heute sind, weiß ich nicht. Wahrscheinlich habe ich sie irgendwann kaputt geliebt. Falls Ihr nicht wisst, was ein Pittiplatsch ist, fragt Eure Eltern/Großeltern/Urgroßeltern, vielleicht wissen sie es noch. Falls nicht, fragt Google. Das habe ich auch gerade gemacht und festgestellt, dass Meister Nadelöhr eine entfernte Ähnlichkeit mit Jack Sparrow besitzt.

Wir hatten auch Verwandte „drüben“, allerdings nicht Blutsverwandte, sie gehörten zum Ehemann der ältesten Schwester meiner Mutter. Wir haben mehrmals im Jahr Päckchen gepackt, vor allem mit Kaffee und Schokolade. Da nie etwas zurückkam oder es zumindest den Anschein hatte (heute habe ich ja meine Tante im Verdacht, dass sie sich alle Spreewaldgürkchen unter den Nagel gerissen hat), war ich der Ansicht, dass die Menschen drüben sehr arm sein müssten. Nicht dass wir im Reichtum gebadet hätten, aber wir hatten natürlich ein kleines Auto und Bananen. Schlange stehen für Lebensmittel gab es auch bei uns, allerdings meist nur so um Weihnachten herum.

Bei irgendeinem Familienfest habe ich den kleinen Teil meiner Ostverwandtschaft kennengelernt, der irgendwann alt genug war: Rentner durften reisen.

70er Jahre – Another Brick in the Wall (Pink Floyd)

Hochinteressant und etwas unheimlich waren die Olympischen Spiele: Die DDR schickte Schwimmerinnen an den Start, die nicht unbedingt als Frauen zu identifizieren waren. Die hatten mehr Muckis als Mark Spitz und waren höchstwahrscheinlich auch viel schneller. Die Oberweiten von über 100 cm waren hauptsächlich der Rückenmuskulatur geschuldet. Ich war selbst Schwimmerin und habe mich gefragt, wie man allein durch Schwimmen solche Muskelpakete bekommen konnte.

Vermutlich wohnten die Damen im Wasser.

In der Schule haben wir die Staatsform der DDR natürlich durchgenommen, nachdem wir uns mit Marxismus, Leninismus, Sozialismus, Kommunismus und noch einigem anderen, was auf -ismus endet, herumgequält hatten. Zu dieser Zeit war ich politisch noch nicht sonderlich interessiert (ich glaube, keiner von uns war das), und so ist von den ganzen -ismen nicht viel hängen geblieben.

Viel aufregender war die Musikszene, von der wir im grenznahen Westen allerdings hauptsächlich die Sendung „Ein Kessel Buntes“ zu sehen bekamen. Das war gar lustiges Tralala, aber in dieser oder einer ähnlichen Sendung des Ostfernsehens sah ich erstmals die junge Nina Hagen. Sie war völlig normal gekleidet, dezent (!) geschminkt, sang ein hübsch-harmloses Chanson und hatte eine wirklich beeindruckende Stimme. Dass sie einmal die Godmother des Punkrocks werden würde, hatte damals niemand ahnen können.

„Karat“ fand ich schrecklich. Voll die Depri-Mucke.

80er Jahre – Knocking on Heavens Door (Guns ’n Roses)

Entschuldigen Sie … ist das der Sonderzug nach Pankow?

Ich will da eben mal hin – mal eben nach Ostberlin.“

(Udo Lindenberg, anno 1983)

Wir hatten eine Bombenstimmung in Westdeutschland.

Das Wettrüsten des kalten Krieges hatte Anfang der 80er Jahre seine Klimax erreicht, und auch, wenn wir nicht die ganze Zeit davon sprachen und uns eher in Verdrängungstechniken übten, so gab es doch jederzeit diese unterschwellige Angst, dass entweder einer der Texas Rangers oder einer der Leningrad Cowboys einen nervösen Finger am Abzug haben könnte. Die Grenze zwischen den beiden aufrüstenden Supermächten USA und UdSSR und den jeweils dazugehörigen Alliierten verlief ausgerechnet durch Deutschland-Deutschland. Natürlich spekulierten wir darauf, dass im Falle eines Krieges zunächst die gegenseitigen Metropolen angegriffen werden würden, aber was wäre, wenn einer der Cruise Missiles unterwegs die Puste ausging oder sie es sich einfach nur anders überlegte und auf halbem Weg bei uns oder dem anderen Deutschland runterkrachte?

Filme wie „Wargames“ (1983) zeigten uns zu allem Überfluss, dass solche nervösen Finger auch schon einmal versehentlich abdrücken konnten, der pazifistische Schriftsteller J.M. Simmel widmete sich dem kalten Krieg nicht erst seit den 80ern, und die Band „Geier Sturzflug“ surfte auf der Neuen Deutschen Welle mit „Besuchen Sie Europa – solange es noch steht“ (auch 1983). Ich glaube, hüben wie drüben war jedem Deutschen, ob ost oder west, ganz einfach unwohl.

Sting lieferte 1985 mit „Russians“ eine wunderschöne Ballade zum Thema Angst vor dem dritten Weltkrieg, aber Udo Lindenberg hat mit seiner Swing-Nummer „Sonderzug nach Pankow“ zumindest bei uns grenznahen Wessis den Vogel abgeschossen: Er hat die Teilung Deutschlands mit Humor und Frechheit besungen (nach der Melodie des Chattanooga Choo Choo), aber er hat das Thema keinesfalls veralbert, es war ihm durchaus ernst.

Trotzdem haben wir uns gebogen vor Lachen, wenn er in seinen knallengen roten Jeans mit der Motorik eines hyperaktiven Holzhampelmanns von seinem Fläschchen Cognac gesungen hat, das erstens sehr lecker schmeckte und er zweitens gern mit dem Herrn Honnecker teilen würde, falls er (der Udo, nicht der Herr Honecker) denn endlich einmal im Republikpalast singen dürfe und dem Oberindianer „Hallololöchenhallo“ sagen dürfe:

„All die ganzen Schlageraffen dürfen da singen, nur der kleine Udo, nur der kleine Udo, der darf das nicht, und das verstehen wir nicht.“

Einfach nur irrwitzig war die Vorstellung von einem „Honey“, der sich heimlich die Lederjacke anzieht und auf dem Klo Westradio hört, weil er im Grunde doch auch ein Rocker ist. Dieses Bild werde ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen.

Ich weiß nicht, ob man im Osten den „Sonderzug nach Pankow“ hören konnte/durfte (außer im West-Radio heimlich auf dem Klo), oder ob er auf dem Index stand. Unserer Generation hat Udo jedenfalls aus dem Herzen gesungen: Wir sind jung, wir sind deutsch und uns trennt eine Mauer.

Und das verstehen wir nicht.

1983 bin ich aus dem Harzvorland nach Baden-Württemberg getürmt, um zu studieren. Hier war der Konflikt der Supermächte ebenfalls präsent, aber die deutsch-deutsche Teilung spielte kaum eine Rolle – eher schon der schwäbisch-badische Grenzkonflikt. Da ich aber jedes Wochenende nach Hause gefahren bin, habe ich den Blick auf den Ostharz niemals verloren.

Ab 1986 hörten wir die Begriffe „Glasnost“ und „Perestroika“ aus dem Osten, und Michael Gorbatschow klang dabei sehr glaubwürdig. Trotzdem glaubten wir nicht so recht an eine Annäherung von Ost und West und schon gar nicht an einen „kalten Frieden“. Wir glaubten auch noch nicht daran, als im Sommer 1989 eine solche Menge DDR-Bürger auf Teufel komm raus aus ihrem Land flüchtete, dass es weltweit Aufsehen erregte. Eher glaubten wir daran, dass der Teufel tatsächlich rauskäme.

9. November 1989:

Ein Tag wie jeder andere … bis zum Abend. Ich weiß noch genau, dass ich mit einem weißen Frotteebademantel bekleidet war, als die sensationelle Nachricht mich erreichte. Es war spät geworden in der Redaktion, aber trotzdem wollte ich noch mit Freunden ausgehen. Nach einer schnellen Dusche versuchte ich, mir die Zähne zu putzen und gleichzeitig eine Kanne Kaffee zu trinken und nebenbei liefen die „Tagesthemen“. Gleich beim ersten Bericht hätte ich fast meine Zahnbürste verschluckt: „Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind“. Das war der Hammer. Die Mauer war gefallen. Ich musste mich erst einmal auf meine bebademantelten vier Buchstaben setzen, denn ich konnte es nicht glauben. Nach dem ersten Schock hatte ich es umso eiliger, loszukommen, um mich mit meinen Freunden auszutauschen. Handys gab es wohl schon, aber nicht für Otto-Normal-Telefonierer. Es wurde eine ziemlich lange Nacht.

Ich habe ein paar Tage gebraucht, um wirklich zu begreifen, dass im Harz die Grenzzäune verschwinden würden, so unglaublich fand ich das alles. In der ersten Zeit erwartete ich jederzeit die Nachricht, dass wir einer ausgewachsenen Medien-Ente aufgesessen waren. Aber es war alles echt: „Wir sind ein Volk!“

Und Udo war vom Paniksänger zum Propheten mutiert.

1990 – Crazy (Aerosmith)

„Goslar stinkt!“

Fräulein Elli R. stand mitten in der Redaktion und verkündete diese Information mit einem Gesicht, als sei der dritte Weltkrieg nun doch noch ausgebrochen, bedauerlicherweise mitten in Goslar. Sie hatte ihren Sommerurlaub bei ihren Eltern verbracht, in einem kleinen Goslarer Vorort. Natürlich war es kein Zufall, dass gleich zwei „Fischkepf“ (Fischköpfe) in Baden-Württemberg gestrandet waren. Fräulein R. war eine außerordentlich begabte Texterin, ich kannte sie von einem früheren Job und hatte sie in mein Team geholt.

Das außerordentliche Textertalent entlud sich in einem satzbautechnisch nicht völlig korrekten Wortschwall, dem zu entnehmen war, dass

• erstens Goslar einer Invasion mehrerer Myriaden von Ossis zum Opfer gefallen war, die

• zweitens mit ihren Trabis Goslars Straßen verstopften, deren Zweitaktmotoren

• drittens mit ihren grässlichen Abgasen die City verpesteten, und

• viertens nagten sämtliche eingeborenen Wessis am Hungertuch, da

• fünftens die Ossis sämtliche Lebensmittelläden okkupiert hatten, die

• sechstens mehrmals am Tage schließen mussten, um die Regale aufzufüllen, und die

• siebentens manchmal gar nicht mehr öffneten, da es nichts mehr zum Auffüllen gab.

Damit trollte sich Frollein R., ausgehungert und abgemagert wie sie war, in die Kantine. Das tat sie sehr oft in letzter Zeit. Wir alle, vom Chef bis zur Putzkraft, taten das sehr oft. Grund dafür war eine junge Frau aus Ostdeutschland, die gleich nach der Grenzöffnung „rübergemacht“ hatte, und nun die Kantine leitete, nachdem ihre Vorgängerin in Rente gegangen war. Was diese Frau mit den vorhandenen Mitteln an Brötchen, Schnittchen und Salaten in die Auslagen zauberte, hätte jeder Promi-Party Ehre gemacht. Und allein das zählte.

Sollte Goslar doch stinken, mir egal, dieses Buffet war es wert.

Außerdem hatte ich meinen Urlaub im geruchsneutralen Südfrankreich verbracht.

1991 – Keep the Faith (Bon Jovi)

Im Sommer fand ich es an der Zeit, die Entwicklung der Gerüche in Goslar zu überprüfen, und ich verbrachte dort drei Ferienwochen, zumeist im Freibad. Abends trieb ich mich mit meinen wenigen in Goslar verbliebenen Freunden in der Altstadt herum oder fuhr einfach durch die Gegend.

Von Gestank war nichts mehr zu riechen. Vereinzelt waren noch Trabis unterwegs, doch die meisten Ostkennzeichen prangten an umweltfreundlicheren Mittelklassefahrzeugen aus Westdeutschland, Frankreich, Japan oder Korea.

Die Konsumtempel der großen Lebensmittelketten waren immer noch brechend voll, eines Nachmittags stand ich sogar vor einem geschlossenen Aldi. Kopfschmerzen machte mir das nicht. Die Wiederherstellung des Friedens auf dem Ernährungssektor war nur eine Frage der Zeit, die Konsumtempel expandierten in einem Affenzahn ostwärts.

Auf einer meiner abendlichen Touren verfranzte ich mich und landete auf einem alten Kolonnenweg der DDR. Diese Lochplattenwege zogen sich entlang der gesamten Ostgrenze; die DDR-Grenzer, die dort patrouillierten, konnten auf diese Weise das gesamte Sperrgebiet zwischen Ost- und Westdeutschland überwachen, das wir im Westen auch den „Todesstreifen“ nannten (weil das Gebiet teil- und zeitweise vermint war).

Es war etwas unheimlich, in der Dämmerung diesen verlassenen Geistergrenzpfad entlangzufahren. Was, wenn ein versprengter Grenzer urplötzlich aus dem düsteren Wald hüpfte und mir seine Schusswaffe vor die Nase hielt, weil ihm hier, im Harzer Outback, schlichtweg entgangen war, dass sich Ost und West nun wieder lieb hatten?

1994 – Conquest of Paradise (Vangelis)

Warum hatte ich eigentlich einen Mann geheiratet, der Berge über alles liebte?

Mein frisch Angetrauter hatte die Idee, unbedingt den Brocken sehen zu müssen. Mir wäre ein Strandurlaub lieber gewesen, aber ich tat ihm den Gefallen, und im Sommer ging es in den Harz. Besonders aufregend war das nicht für mich, eigentlich sogar ein alter Hut, denn sehen konnten wir den Brocken vom Westen aus jederzeit. Bei guter Sicht schien der Berg sogar zum Greifen nah, war zu DDR-Zeiten aber natürlich unerreichbar. Er lag direkt im militärischen Sperrgebiet, in Sachsen-Anhalt (dort befindet er sich selbstverständlich auch heute noch), die Landesgrenze zu Niedersachsen verläuft 2 km westlich des Brockens. Klar, dass sich auf dem Gipfel des „westlichsten Stützpunkts Moskaus“ Abhöranlagen des sowjetischen Geheimdienstes befanden; hier lauschten die Agenten also Westradio und Udos „Sonderzug nach Pankow“.

Wir konnten nicht bis zur Bergkuppe fahren, jedenfalls 1994 noch nicht. Es gab einen hochgelegenen Parkplatz, und wir hatten Glück, überhaupt einen Stellplatz zu finden. Er war brechend voll und es hatte bereits Blechschäden gegeben. Hier fand eine Invasion statt, Touri-Truppen internationaler Wessis aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und den USA waren eingerückt sowie die allzeit reiselustigen Asiaten. Sie alle bevölkerten den Fußweg zum Gipfel.

„Los, wir laufen“, schlug Luis Trenker, mein Ehemann, vor.

„Hast du ’ne Meise?“ (Ich hatte Pumps an den Füßen).

„Warum trägst du keine Wanderschuhe?“

„Vielleicht, weil ich keine besitze?“

„Warum besitzt du keine Wanderschuhe?“

„Weil ich Wandern hasse!!!“

„Wieso hasst du Wandern?“

Wieso lassen wir uns nicht auf der Stelle scheiden?

Nach Abschluss der Friedensverhandlungen besuchten wir noch einige Ortschaften im Ostharz, darunter Schierke, Elend und Sorge. Der „Aufbau Ost“ hatte hier entweder nicht stattgefunden, oder die Zustände vor der Grenzöffnung waren absolut verheerend gewesen. Irgendwo in einem dieser Orte trank ich den schlechtesten Cappuccino der Welt. Wozu zahlte man eigentlich Solidaritätszuschlag?

2000 – It’s my Life (Bon Jovi)

Als ich mich im Herbst 2000 selbständig machte und für die Kundenbetreuung händeringend Mitarbeiter suchte, empfahl mir einer meiner Lieferanten zwei junge Männer, die gerade ihre Ausbildung hinter sich gebracht hatten. Beide kamen aus Ostdeutschland, einer aus Sachsen, einer aus Thüringen, ihre Lehrzeit hatten sie in der Eifel verbracht und beide sprachen hochdeutsch (alles andere außer schwäbisch wäre im Schwabenland auch verheerend gewesen).

Einer von ihnen hieß Ronny; ein typischer Ostname, wie er mir erklärte. Die halbe männliche Ex-DDR soll angeblich so geheißen haben.

Der andere Junge (bekennender Ritter-Sport-und-Milka-Junkie) erzählte uns, dass er in seiner Kindheit oft angestanden hätte, ohne zu wissen, wozu oder wofür. Wann immer man eine Schlange sah, stellte man sich eben an, völlig egal, was es gab, denn irgendetwas würde es schon geben.

„Typisch Ossi! Typisch Wessi!“, das ist seit der Jahrtausendwende zumindest in unserer Gegend kaum noch zu hören. Die größten gegenseitigen Vorbehalte und Vorurteile gab es, glaube ich, Anfang der Neunziger Jahre, als zwei Nationen, die sich freuten, endlich ein Volk zu sein, wie Heuschreckenschwärme übereinander her fielen und sich auf die Pelle rückten.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen „typischen“ Ossi getroffen zu haben. Einen „typischen“ Wessi übrigens auch nicht. Diese verbalen Auswüchse einer Zeit des Zusammenraufens waren allenfalls „Typisch Mensch“.

2001 – Only Time (Enya)

Abschließend denke ich, dass es wirklich nur Zeit brauchte, damit eine getrennte Nation wieder zusammenwachsen konnte. Und ich denke, dass unsere Welt endlich zusammenwachsen muss, denn es gibt so viel tiefere Gräben zwischen Kontinenten, Kulturen, Religionen, als wir sie in Ost- und Westdeutschland jemals hatten.

Es wird schwieriger werden, diese Gräben zu überwinden.

Ich hoffe, dafür bleibt uns allen noch genug Zeit.

Hier nun noch zwei Zeitungsartikel

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