[Adventskalender 2018] 04.12. Mein Weinachten Beitrag geschrieben von Nadja Losbohm

Mein schönstes Weihnachten

von Nadja Losbohm

Mein schönstes Weihnachten war in keinem bestimmten Jahr. Es sind die Weihnachten meiner Kindheit, die mir auf besondere Weise in Erinnerung geblieben sind und die bei den Gedanken an sie in mir ein wohlig warmes Weihnachtsgefühl aufkommen lassen.

Ich wurde in Hennigsdorf, Brandenburg geboren, doch wir zogen 1988 nach Berlin um. Wie viele Familien hatten auch wir unsere Weihnachtstraditionen. Manch einem mögen sie klein, unbedeutend, vielleicht sogar ärmlich erscheinen, aber ich freute mich immer über und auf sie. Wie sahen sie also aus, die traditionsreichen Weihnachtsfeste bei uns zuhause?

Der Tag fing ganz entspannt an mit einem Familienfrühstück an. Zwischen dem Morgen und dem Mittag wurde der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer aufgestellt und es ging ans Schmücken. Meistens war ich es, die diese ehrenwerte Aufgabe übernahm, manchmal mit Hilfe, meistens jedoch ohne. Wer möchte schon die verhedderte und verknotete Lichterkette auseinander fummeln? Als es dann soweit war, dass das Lametta auf die Tannennadeln geworfen werden konnte, kamen die übrigen Familienmitglieder aus Backöfen und Keksdosen gesprungen und beendeten den Dekorationsprozess. Nach getaner Arbeit rief der Mittagstisch. Bei uns gibt es jedes Jahr dasselbe zu essen, sowohl zum Mittag als auch am Abend. Nur Frühstück und Kaffee und Kuchen variieren abhängig vom Gusto der aktuellen Zeit. Somit gab es schon zu Kindheitszeiten eine Nudelsuppe zum Mittag und Kartoffelsalat und Würstchen zum Abendessen. Die Knödel, den Rotkohl und den überirdisch guten Kaninchenbraten, den mein Vater nach seinem Geheimrezept machte, das er bis heute nicht verrät, gab und gibt es erst am ersten Weihnachtsfeiertag.

Eine Qual für den tropfenden Zahn, aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. Was auf das Mittagessen folgte, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Entweder wurde sich getreu dem Motto „Nach dem Essen ist vor dem Essen“ bereits um die nächste Mahlzeit gekümmert oder wir schauten Märchen im Fernsehen. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war übrigens damals noch nicht so hipp wie heute. Bis etwa fünfzehn Uhr war jedenfalls reichlich Zeit für solcherlei Dinge. Dann stand endlich das Interessantes auf dem Tisch: Kuchen und Plätzchen. Stolle für mich bitte nicht. Mit Rosinen konnte man mich schon damals jagen. Aber selbst gebackene Mürbeteigplätzchen, in stundenlanger Handarbeit mit Zuckerguss und bunten Streuseln verziert – die waren ein Gedicht! Aber wenn du dachtest, noch spannender kann es nicht werden, muss ich dich enttäuschen: Es geht noch spannender. Denn sobald der Kaffeetisch abgeräumt war, hieß es für meine Schwester und mich: Ab ins Zimmer! Nicht weil wir uns daneben benommen hatten, sondern weil Besuch anstand: vom Weihnachtsmann. Mehr oder weniger geduldig warteten wir also in unserem Kämmerlein, bis schließlich durch die Zimmertür das sanfte, süße Bimmeln eines Glöckchens erklang.

Das war das Zeichen für meine Schwester und mich, dass wir uns hinauswagen durften. Wir traten ins Wohnzimmer, in dem alle Lichter gelöscht waren bis auf die am Weihnachtsbaum, unter dem die Geschenke lagen. Im Hintergrund dudelte in angenehmer Lautstärke die Schallplatte „Weihnachten in Familie“ mit Frank Schöbel, seiner Frau und den beiden Töchtern. Viele Jahre habe ich diese Musik nicht mehr gehört und erst vor etwa drei, vier Jahren wiederentdeckt. Was die ersten Klänge an Emotionen in mir als mittlerweile Erwachsene auslösten, ist nahezu unbeschreiblich. Ich fühlte mich sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Als Kinder konnten wir die Lieder auswendig, konnten von der ersten bis zur letzten Zeile mitsingen. Nur nicht, wenn wir mit dem Auspacken der Geschenke beschäftigt waren. Dann gab es freilich Wichtigeres als „Leise rieselt der Schnee“ oder „Wir haben einen Weihnachtsbaum“ zu singen. Als der Kampf mit Geschenkpapier und – band vorüber, die Ausbeute begutachtet und ausprobiert worden war, war es Zeit für ein bisschen Bewegung. Auch vor fünfundzwanzig Jahren (o Gott, bin ich wirklich schon so alt?) war das Weihnachtsfest kein Garant für Schnee. In einem Jahr gab es welchen in Hülle und Fülle, in einem anderen Jahr gab es keinen. Aber kalt war es immer.

In Stiefel, Anorak, Schal, Mütze und Handschuhe gesteckt, machten wir einen Winterspaziergang oder wie wir es als Familie bezeichneten „Fenster gucken“. Für mindestens eine Stunde stromerten wir durch die Straßen und bestaunten die weihnachtlichen Lichter, die in den Fenstern von anderen Familien leuchteten. Zu jener Zeit war die Dekoration noch dezent und geschmackvoll und man bekam vom bloßen Hinsehen keinen epileptischen Anfall, wie es mitunter heute der Fall ist. Die Lichter waren schön, noch schöner waren aber die vielen Weihnachtsmänner, die mit Säcken voller Geschenke auf Fahrrädern durch die Gegend gurkten und den ganzen Abend im Einsatz für leuchtende Kinderaugen unterwegs waren.

So wie die blinkenden, kreisenden, flimmernden Epilepsie-Lichter mit den Jahren zunahmen, so verringerte sich die Anzahl der Drahtesel-Weihnachtsmänner. Andersherum wäre es viel schöner gewesen. Aber sei es drum. Ich erinnere mich gern an die wagemutigen Geschenke-Ritter, die Glatteis, Kälte und Schnee trotzten. Doch alles Schöne geht auch mal zu Ende. Sowohl was den Spaziergang angeht als auch dieser Bericht über mein schönstes Weihnachtsfest. Zurück im gut temperierten Heim gab es die wohlverdiente Stärkung Dank Kartoffelsalat und Würstchen, auf die das Spielen mit den noch frisch ausgepackten Geschenken folgte, von denen ich vermutlich noch in der Nacht träumte.

Zum Abschluss bleibt mir noch dieses zu sagen: Ich wünsche dir, liebe/r Leser/in, ein wundervolles und vor allem friedliches Weihnachtsfest, bei dem du dich vielleicht auch auf die Suche begibst nach den tollkühnen Weihnachtsmännern, die mit Zweiradantrieb Ausschau halten nach dem nächsten Zentralheizungsrohr, durch das sie in die Stube rauschen können, und lauschst den Klängen von „Weihnachten in Familie“.

Deine Nadja Losbohm

PS: Ich würde gern mein Lieblings-Weihnachtsrezept mit dir teilen. Aber wie bereits erwähnt, hat mein Vater mir dieses bisher nicht verraten. Ich weiß allerdings, dass er, abgesehen vom Kaninchen, Kümmel verwendet. 🙂

 

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