Aus dem Leben eines Autors – März – Hildburg Reidt Beitrag wurde vom Autor geschrieben

Schreibübungen einer Autorin …

Man wäre keine Autorin, wenn man kein Talent zum Schreiben hätte, das gewisse Fingerspitzengefühl und Können, aus Worten Geschichten zu formen und Empfindungen zu transportierten, die berühren und nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Aber auch ein Talent will gepflegt, geschult, immer wieder angespornt und zu Leistung getrieben werden. Routine ist das Gift der Kreativität. Herausforderungen sind es, die uns weiterbringen in unserem Tun.

Ich habe zum Beispiel immer ein kleines Notizbuch und einen Bleistift in der Handtasche, wenn ich unterwegs bin. Habe ich Zeit oder ergibt sich eine Gelegenheit, zücke ich beides, stelle mir selbst eine Aufgabe und lege los.

Die Aufgaben gestalte ich absichtlich so, dass sie eine Herausforderung sind, denn sonst wären sie wenig hilfreich und sinnlos.

Hier habe ich zwei Beispiele für euch:

Letzen Herbst war ich einen Tag in Heidelberg, um mir das Schloss und die Altstadt anzusehen. Ein Ausflug, den ich bewusst mit der Bahn und allein unternahm, um das Geschehen um mich herum aufsaugen und uneingeschränkt wahrnehmen zu können. Ein dreiteiliger Roman, den ich demnächst veröffentlichen möchte, spielt in der Stadt und ich wollte die Aura der alten Mauern spüren, damit ich gewisse Situationen besser ausdrücken kann. Nachdem ich mir das Schloss angesehen hatte, lief ich hinunter in die Altstadt, setzte mich am Kornmarkt auf eine Bank, trank einen Schluck Wasser und schob mir genussvoll mein Leberkäsweckle in den Mund. Ich blickte hinauf zum Schloss, das mit seinen gewaltigen Mauern über der Stadt thronte und einen starken, uneinnehmbaren Eindruck auf mich machte. Und den von Unendlichkeit. Aber was ist schon unendlich? Es ist die Endlichkeit, die uns umgibt. Selbst das harmlose Leberkäsweckle war im Nu verspeist und der Endlichkeit anheimgefallen. Ich dachte darüber nach, was Endlichkeit bedeutet. Für mich. Für das Leben. Inspiriert von der Altstadtkulisse und dem Heidelberger Schloss, das in den Wolken zu schweben schien, zückte ich mein Notizbuch und stellte mir die Aufgabe, eine Viertelstunde ohne Unterbrechung alles aufzuschreiben, was mir über Endlichkeit einfiel. Was ich damit verbinde, was sie bedeutet, was nicht. Fünfzehn Minuten können lang sein, aber als ich erst einmal begonnen hatte, flossen die Worte wie Wasser aus meinem Stift. Die Zeit verging, ich beendete meine kleine Schreibübung und hätte mit dem letzten Punkt nicht widergeben können, was ich eigentlich genau aufgeschrieben hatte. Ich las mir den Text noch einmal in aller Ruhe durch und war erstaunt, wie gut er gelungen war. Man hätte ihn eins zu eins übernehmen können. Ich war unglaublich stolz.

Die letzte Schreibaufgabe habe ich mir vergangene Woche auferlegt. Und zwar in der Praxis meines Zahnarztes, die an diesem Morgen überzuquellen schien. Ich nahm entschlossen meine Arbeitsgerätschaften in die Hand und begann damit, den vor mir sitzenden älteren Herrn zu porträtieren. Mit Buchstaben. Ihn mit Worten zu beschreiben und zu versuchen, dabei den Charakter zu treffen. Anhand seiner Erscheinung Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich kannte den Mann nicht und hätte nur allzu gern gewusst, inwieweit meine Beobachtungen zutrafen. Eins habe ich bei dieser Beschreibung allerdings gelernt. Es gibt keinen Menschen, der unscheinbar ist. An jedem gibt es Unmengen von Eigenarten und Merkmale zu entdecken. Man muss nur genau hinsehen. Das Leben hinterlässt Spuren, die einen aufmerksamen Betrachter Rückschlüsse ziehen lässt. Und ja, es ist das Talent eines Autors, diese für andere sichtbar machen zu können.

In diesem Sinne freue ich mich schon auf die nächsten Herausforderungen, die auf mich warten. Ich stelle mich ihnen gerne und kneife nicht.

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