Aus dem Leben eines Autors – September – Sylvia Rieß Beitrag wurde von der Autorin geschrieben

Aus dem Leben eines Autors – September – Sylvia Rieß Beitrag wurde von der Autorin geschrieben

Schreiben auf Anfrage – Wenn Kreativität sich an Vorgaben halten muss

Freie Tage

Es ist Dienstag. Bei mir ist das eigentich ein YAY-Tag, denn ich habe frei. Das wollte mein Chef damals so, als ich die Stelle antrat, als Ausgleich für die vielen Nacht- und Wochenenddienste. (Für alle, die mit diesem Beitrag erst in mein chaotisch-kreatives Leben einsteigen: Ich bin im ‚wahren‘ Leben Tierarzt auf dem Land) Somit war schnell klar, dass Dienstage meine Schreibtage werden. Manchmal zeichne ich auch. Zum Beispiel die Illustrationen für meinen Herr der sieben Königreiche oder die Karten für den Stern von Erui. Wer von euch aber eine Familie hat, der kennt sicher den Spruch: „Ach, du hast doch frei. Kannst du dann mal schnell …?“

Ja, mehr muss ich vermutlich nicht sagen. Denn so sind Dienstag meine Schreibtage, und manchmal komme ich wirklich zum zeichnen. Aber ganz oft habe ich an so einem freien Tag tausend Termine.

Kreative Sabotage

Wie gut schreibt es sich also an einem Tag, an dem man den Fensterbauer im Haus hat? Die Bohrmaschine läuft im Hintergrund, dazwischen tönt das Gedudel aus dem Radio, wenn die Maschinen mal schweigen. Mein kreatives Ich ist ohnehin schon verstört, denn ich brauche zum Schreiben ORDNUNG! Ja, ich gehöre zu den Verrückten, die erst aufräumen müssen, bevor sie die Ruhe haben, kreativ zu werden.

Heute ist nur leider alles anders. Einziger Vorteil: Durch die umgestellten Möbel steht mein Bistro-Tisch jetzt vor dem Küchenfenster zum Vorgarten. Ich kann also immer mal wieder den Blick in Richtung meiner Kaninchen schweifen lassen. Zumindest das holt mich aus dem gedanklichen Tief.

Im übrigen fange ich an dieser Stelle mal nicht davon an, dass ich noch alles umorganisieren musste, weil mein Mann weg ist zu seinem wöchentlichen Firmenmeeting, und einfach nicht dran dachte, dass wir, wenn die Meetings dienstags sind, ein zweites Auto für mich organisieren müssen.

Mein Fahrrad hat ganz spontan den Platten des Jahrhunderts, ich konnte also nicht einfach in den Nachbarort bei den Schwiegereltern das zweite Auto holen.

Der Tag kann ja nur besser werden!

Das Manuskript des Grauens

Um 9:08 habe ich also schon eine Odyssee hinter mir, um mir ein Ersatzfahrzeug zu organisieren, meinen platten Drahtesel von der Praxis nachhause zu schieben und meinen Termin für die Massage, die ich mir diesen Monat mal zum entstressen gönnen wollte, habe ich schon abgesagt.

Wie gut, dass Frau Tierarzt-Autor eine Mami hat, die mir mal eben das Auto meiner kleiner Schwester vorbeibringt. Dafür muss ich sie dann wieder zu ihren Terminen fahren. Also naja, nicht wirklich WinWin. Aber ich seh meine Mami. Kommt auch selten genug vor. Immerhin leitet sie ein Geburtshaus.

Bis elf Uhr ist sie mit den Nachsorgen für die Neugeborenen vom Wochenende durch. Ich könnte also schreiben. Meine Gedanken wandern auch sofort nach Erui. Der blauen Drache möchte gerne von der Kette gelassen werden. Aus den sieben Königreichen ruft Ambros in Limericks nach mir, ich möge seinem Elend doch bitte schnell ein Ende machen und hach! Ist das dahinten in meinem Kopf etwa die Dystopie, die sich als Plotbunny immer mehr in den Vordergrund drängt? Dazu habe ich auch ein paar nette Ideen.

Mein Blick wandert zurück zu meinem Bildschirm. Das offene Script ruft nun nicht gerade Begeisterungsstürme in mir hervor. Doch versprochen ist versprochen.

Kreativität auf Anfrage

Ja, ich kann mich heute trotz aller Widrigkeiten nicht in eine meiner geliebten phantastischen Welten flüchten, sondern habe Abgabedruck.

Als Selbstverlegerin – Wie das?

Ganz einfach: Unsere Märchenspinnerei hat sich als großartiges Projekt mit viel Engagement, Herzblut und Autoren, die aus eigener Initiative diszipliniert arbeiten können, einen Namen gemacht. Gleich mehrere Verlagen haben Zusammenarbeiten mit uns angefragt und ja, bei einer haben wir zugesagt. Das heißt nun aber, dass wir im Rahmen bestimmter Vorgaben (Wortzahlen, Elemente, die die Geschichten enthalten müssen) zu bestimmten Terminen fertig werden müssen.

Ich meine sicher. Ich mache da freiwillig mit. Ich habe mir sogar die Grundlage der Geschichte selbst ausgesucht. Also alles halb so wild, sollte man meinen.

Dennoch läuft es nicht. Das Brainstorming mit meiner Kreativpartnerin hat noch sehr viel Spaß gemacht. Danach aber wieder Flaute, weil, wie bei mir so oft, die Arbeit dazwischen kam. Seit Anfang September trete ich mich nun, um dieses Geschichte zu schreiben. Aber so zäh und unwillig hat sich bei mir noch kein Projekt angefühlt.

Mittlerweile weiß ich, ich werde fertig und die Geschichte hat sich auch ganz gut entwickelt. Ich werde zufrieden sein mit diesem Werk von mir und habe mir bewiesen, dass ich, wie ein Vollzeit-Autor auf Anfrage und mit Verlagstermin im Hinterkopf arbeiten kann.

Ein einmaliges Experiment?

Persönlich habe ich bei diesem Projekt tatsächlich meine Grenzen ausgelotet. Man kann sehr viel mehr, als man sich zutraut. Ich kann zum Beispiel kurze Geschichte auf den Punkt schreiben. Das weiß ich nun. Andererseits: Ich habe ja sehr bewusst vor drei Jahren den Weg des Eigenverlages gewählt.

Ich bin Tierarzt. Mit Leib und Seele und irgendwann mit der Verpflichtung der eigenen Praxis. Meine Geschichten kommen, weil ich es nicht lassen kann sie zu schreiben, nicht weil ich sie auf Anfrage bewusst kreiere. Es ist immer so, als wäre ich nur das Medium für etwas, was in irgendeiner Dimension der Realität tatsächlich passiert und was durch mich erzählt werden muss. Das sind die Geschichten, die ich schreiben will. Die, die meine Muse von ganz allein füttert. Ich habe einen Heidenrespekt vor meinen Vollzeitkollegen, die jeden Tag auf Bestellung arbeiten. Sei es an eigenen Ideen, die sie an einen Verlag ‚verkauft‘ haben, oder an Projekten, die der Verlag angefragt hat.

Ich kann jetzt behaupten, ich weiß, wie sich das anfühlt. Man hat etwas zugesagt, etwas versprochen. Man beherrscht das Handwerk des Geschichtenerzählens und man ist als Berufsautor auch in finanzieller Hinsicht ja irgendwie daran gebunden, diese Zusagen zu erfüllen. Nur für mich weiß ich: Es wird nicht meines werden.

Schreiben ist meine Leidenschaft ich muss das Jucken in den Fingerspitzen fühlen, das Gefühl nicht anders zu können, als es rauszulassen. Und ich bin dankbar, dass mir das bisher möglich ist.

Das heißt nicht, dass ich nie wieder für einen Verlag schreiben werde. Es heißt nur: Ich weiß wo meine Stärken liegen. In meinem Tempo, meine Welten zu bauen und sie ruhen zu lassen, wenn sie mich gerade nicht einladen.

Ich hoffe dieser etwas längere Ausflug in meinen Alltag als Veterinär/Autor-Hybrid hat euch nicht gelangweilt und wir lesen uns. 🙂

Eure Sylvia

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