Quasselwolke: Autorin Carolin M. Hafen

Heute stellen wir euch die Autorin Carolin M. Hafen vor, sie ist auf die Quasselwolke gestiegen und hat sich unseren Fragen gestellt.

Zu deiner Person:

Wer bist du? Wie würdest du deine Biographie erzählen?

38227566_10214569898139591_6786700505578995712_n Quasselwolke: Autorin Carolin M. Hafen

Carolin M. Hafen*

Gebürtige Zweiundachtzigerin. Drittgeborene, konservativ erzogen, liberal geraten, von der Vergangenheit geprägt. Arbeitet mit der Sippe im Bauwesen; Malen nach Zahlen bekommt so eine Bedeutung. Schreibt aus Besessenheit, weil sie nicht anders kann. Oder will. Lebt fürs schreiben, schreibt fürs Leben gern, lebt ihr Schreiben hier: http://www.zweifragezeichen.wordpress.com

*it´s the write thing to do

Wenn du dich mit 3 Worten beschreiben müsstest, welche wären das?

Introvertiert. Neugierig. Ambivalent.

Welches Sternzeichen bist du?

Jungfrau

Welchen Fehler entschuldigst du am ehsten?

Die der anderen.

Wer ist dein liebster Romanheld?

John D. (Zirkuskind), Dr. Larch (Gottes Werk & Teufels Beitrag)

Wer ist dein Lieblingsheldinnen/ -helden in der Wirklichkeit?

Meine Oma und Helene Hanff

Wer ist dein Lieblingsmusiker?

Mumford and sons

Was ist deine Lieblingsbeschäftigung?

In Geschichten eintauchen; schreibend, lesend, sehend.

(Das Universum besteht aus Geschichten, nicht aus Atomen. Muriel Rukeyser)

Was ist deine Lieblingsfarbe?

Gelb

Wer ist dein Lieblingsschriftsteller?

John Irving

Was verabscheust du am meisten?

Charakterschwäche

Welche natürliche Gabe möchtest du besitzen?

Musikalität. Im tiefsten Herzen, ganz weit hinten versteckt, bin ich ein Drummer-Girl.

Wie bist du zum schreiben gekommen?

Es gibt mehrere Varianten dieser Frage, alle haben mit Werden und hinkommen zu tun. Ich für meinen Teil bin schon immer Schriftstellerin gewesen. Man ist das ja lange bevor man einen Stift aufs Papier setzt oder den Computer einschaltet. Wenn ich meinen Bleistift aufs Papier setze, dann ist die Geschichte im Kopf schon fertig.

Ich habe schon als kleines Kind über Geschichten nachgedacht, über Filme und Bücher und was ich daran mag oder eben nicht. Ich habe mit fünf oder sechs „Arielle“ gesehen. Viel Gesinge und die Frage; Kriegen sie sich oder nicht?

Der Film hört da auf, wo ich dachte „Oh, jetzt wird es interessant“. Das Sich-kriegen fand ich langweilig. Ich habe überlegt, was passiert eigentlich, wenn die zwei sich endlich haben? Ich dachte ernsthaft, ich könnte das besser. Eine Geschichte erzählen bis zum wirklichen Ende. Weil, nachdem sich die beiden haben, fängt die Geschichte doch erst an.

Das ist vielleicht das Schönste am Kind sein. Dieser unerschütterliche Glaube alles besser zu können und besser zu wissen. Und weil man noch nie gescheitert ist, stimmt es ja auch. Es ist schade, dass man sich diese Zuversicht ins eigene Können nicht rüber retten kann, ins Erwachsenenleben. Mir jedenfalls ist viel davon abhanden gekommen.

Was ich sagen will, ist folgendes. Ich kam nicht zum schreiben. Ich wurde nicht Schriftstellerin. Ich bin es zu jedem Zeitpunkt gewesen. Was sich geändert hat, ist mein Wortschatz, mich auszudrücken, meine Art zu erzählen. Ich habe geübt und wurde besser. Ich übe immer noch, lerne noch. Mein Schreiben verändert sich dauernd. Sogar meine Stimme.

Aber mir war schon als Kind klar, ein Satz wie „Da fliegt ein komisches Licht“ und „Es flirren hunderte Glühwürmchen in meinem Garten hinter dem Haus“ ist nicht das Gleiche. Und so fängt es wohl an. Das Schriftstellersein. Man überlegt sich; wie heißen die Dinge? Und; Ist das der Anfang einer Geschichte?

Was macht für dich ein gutes Buch aus?

Eine Geschichte ist für mich dann gut, wenn etwas in mir anklingt. Jeder Mensch hat seine Meinung, Eindrücke, Ansichten, Perspektiven. Wenn einem Buch, einem Musikstück, einem Film, einem anderen Menschen es gelingt, dass ich eine neue Einsicht gewinne, einen anderen Standpunkt, dann finde ich das gut. Genau das möchte ich auch erreichen, wenn ich selbst schreibe. Ich will nicht die Welt verändern. So hoch sind meine Ambitionen nicht. Aber mal ehrlich: Ein Buch ist doch auch nur eine Form von Voyeurismus. Wir verfolgen Figuren, die wir im besten Fall mögen, bis in den letzten Winkel seines Denkens und Fühlens und Handelns. Echte Menschen wehren sich, wollen ihre Geheimnisse bewahren, aber Buch-Menschen laden uns ein. Sieh her, ich habe schreckliches durchgemacht, ich bin daran gewachsen. Im besten Fall wachse ich mit.

Wo liest du am liebsten?

Auf meinem Sofa liegend. Wenn das Wetter es zulässt, auf dem Balkon.

Hast du ein Lebensmotto?

Be brave, reget nothing.

Welche Bücher hast du als Kind gelesen?

Peter Pan, Die Wunderweltenbaum-Reihe von Enid Blyton, ganz viel Erich Kästner, TKKG, die Pucki-Reihe von Magda Trott. Und alles, was die Bücherei für Kinder hergab.

Welches Buch MUSS man unbedingt gelesen haben?

Müssen? Puh. Ich mag das Wort nicht. Man muss nichts. Ausser sterben. Ich reagiere mit großem Trotz, wenn jemand Sätze mit „Du musst“ beginnt und dann noch inflationär „Einfach“ in seine Sätze einstreut.

„Du musst einfach Mal verstehen… Bla Bla Bla.“

Ich dachte, vor vielen Jahren, man müsste bestimmte Bücher gelesen haben. Keine Ahnung, wer das verlangt, und wem das dient. Lesen ist etwas Schönes, das Zerstreuung bringt, auch Ablenkung, und manchmal sogar neue Welten eröffnet. Wenn ich also was muss, so wie damals in der Schule, macht es viel kaputt. Lesen wird zur Strafe. Etwas, dass niemand gern tut. (Ich hatte Glück, in meiner Schulzeit waren auf der Müssen-Liste einige gute Bücher, die meine Welt größer gemacht und mir das Lesen nicht verlitten haben.) Aber damals dachte ich, Bücher wie „Buddenbrooks“ muss man gelesen haben, weil man dann irgendwie klug, belesen, gebildet wäre. Jetzt ist es aber so, dass ich besagtes Buch sehr, sehr langweilig finde. Auf Seite 100 waren die Herrschaften immer noch am Essen.

Jetzt muss ich kurz ausholen. Ich habe zwei Bücher zu Ende gelesen, obwohl ich sie schrecklich fand und langweilig. Guido Maria Kretschmer würde jetzt mit Inbrunst sagen: „Das tut gar nichts für dich!“ Er sagt das bei Klamotten, aber den Satz kann man so ziemlich überall anwenden. Wenn etwas nichts für dich tut, lass es sein. Hör auf Guido. Ich wünschte, ich hätte das mit Anfang 20 gewusst, als ich „Der Name der Rose“ und „Deutschlandreise“ las. Ganz schlimm. Beides. Ich quälte mich durch die Wälzer und am Schluss fühlte ich mich schlecht, weil ich dachte, ich müsste den Käse gelesen haben, obendrein gut finden, als dürfe man irgendwelche Klassiker nicht kritisieren, weil sie ja Klassiker sind. Ein Teufelskreis. So müssen auch andere da durch, und wofür? Wem nutzt das? Eben, niemandem. Wenn aus einem Schüler ein Nichtleser wird, wegen Goethe und Schiller, dann hat zwar Reclam ein paar Bücher verkauft, aber danach, alle anderen Verlage nichts. Das kann doch nicht des Pudels Kern sein.

Bücher sollen Spaß machen. Lesen ermöglicht eine neue Sicht auf die Welt – wenn man das Richtige liest. Also muss es passen. Daher sind „Must-Read“ Empfehlungen für mich erst Mal Unsinn. Ich wurde mal gefragt, warum ich meine gelesenen Bücher alle so gut bewerte. Da sind selten Ausschläge nach unten in meinen Bewertungen, weil ich selten  daneben greife. Und darin liegt ja schon die Antwort: Ich suche mir Bücher aus, die mich neugierig machen. Ich kenne ja meinen Geschmack. Ich weiß, dass ich Liebesgeschichten oft kitschig finde. Ich weiß, dass mir Krimis meist zu blutrünstig sind. Ich weiß, dass Adjektive in einem gesunden Ausmaß gut sind. Ich weiß, dass ich Fantasy mag und fremde Welten. Antihelden.

Ich will Dinge entdecken, die ich so noch nie gesehen habe. Geschichten über das Suchen und finden. Menschen, die genau hinsehen, Autoren, die ihre Wörter im Griff haben. Und so wähle ich meine Bücher aus, lese Klappentexte und erste Seiten an. Wenn die Geschichte mich auf den ersten Seiten in den Bann zieht, weil mir die Schreibe des Autors/der Autorin gefällt, dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Bei Filmen schaue ich doch auch den Trailer, entscheide dann ob mir das Aussehen der Geschichte gefällt, ob ich die Darsteller gut finde, ob die Geschichte zu mir passt. Es war ein langer Lernprozess, ich musste ein paar Skrupel ablegen, dieses „Müssen“ abschütteln. Daher lege ich inzwischen Bücher, die mich langweilen, deren Ton mir nicht zusagt, (die Gründe können vielfältig sein) einfach weg. Weil, ich muss nichts. Und du auch nicht.

(Falls du es nicht wusstest: Du musst wirklich nichts. Gern geschehen!)

Nehmen wir ein anderes Wort. Sollten. Sollten ist nicht so aggressiv. Du solltest lesen. Viel. Das kann ich sagen, dann ist es Meinung, kein Fakt. Meiner Meinung nach ist lesen super, ganz allgemein, und du solltest jetzt den Computer ausmachen, dir ein Buch schnappen und auf den Balkon oder in den Garten gehen, dir die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und deinem Hirn was gönnen. Buchstaben, Farben, Emotionen. Ein paar Satzzeichen dazu, dann ist es wunderschön. Und das ist gut für dich. Aber es ist deine Entscheidung, ob du es auch tust.

Happy reading.“ 

Hast du ein Lieblingsbuch?

Zirkuskind von John Irving. Na ja, eigentlich alles von John Irving. Und dann gibt es viele, viele Bücher, die mich schon seit Jahren begleiten, mich beeinflussen, und die bei so einer Frage „nenn nur ein Buch“ völlig untergehen. Ich kann keinem begreiflich machen, was mir die Sandmann-Reihe von Neil Gaiman bedeutet, oder wie sehr ich mir wünsche ein Buch wie „Auerhaus“ schreiben zu können. Und wenn ich jetzt von einem Buch zum nächsten hüpfe, in wilder Assoziation, steht am Ende mein Bücherregal hier. In voller Pracht. Hab ich erwähnt, dass ich Listen liebe?

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub?

Nein.

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich habe meinen Brotberuf, meine Sozialkontakte, gehe zum Sport, lese und schreibe, schaue zu viel fern, esse Schokolade, wenn ich denke, dass mich niemand sieht, ich nehme die Welt mit der Kamera in meinen Besitz, manchmal versuche ich ein Bild davon zu zeichnen, und immer, immer denke ich: Geschichten sind Wunder.

Was bringt dich zum lachen?

Intelligenter (Wort)Witz.

Welches Hobby hast du?

Joggen, Zeichnen & Malen, Nähen, lesen (natürlich!)

Wie siehst du dich in 10 Jahren?

Alive and kicking.

Hier darfst du sagen, was du schon immer einmal sagen wolltest:

Das vergisst man so oft;

“Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.” – Karl Valentin

Vervollständige folgende Sätze:

Ich bin süchtig nach:

Cola & Kinderriegel

Ich lese am liebsten Bücher aus dem Genre…

Kinder- und Jugendbuch.

Ich lese selten Bücher aus dem Genre…

Thriller, Krimi.

Mein Lieblingsgetränk ist…

Tee

Mein liebstes Liebeslied ist…

„I will always love you“ von Whitney Housten. Soundtrack zum Film Bodyguard. Hach. Und später dann: „City of Angels.“ Sarah McLachlan mit „Angel“. Da kann ich immer noch, auf Knopfdruck, losheulen.

Ich grusel mich vor…

Spinnen. Höhe. Menschen, die mir im Supermarkt an der Kasse in den Nacken atmen.

Wenn ich in einem Buch leben würde, wäre ich…

…ich bin Schriftstellerin. Ich LEBE in Büchern. Immer wieder neu und anders.

Beim schreiben esse ich…

Für gewöhnlich esse ich nicht beim Schreiben. Nur wenn es mies läuft, gibt es Schokolade. Ansonsten reicht mir eine Kanne Kräutertee.

Kommen wir nun zum Schreiben

Woher bekommst du die Ideen für deine Romane und Geschichten?

Die Frage impliziert, das Schreiben wie Marmorkuchen backen ist. Eine Person, nennen wir sie Jonna, entscheidet sich: Aha, heute gibt es Kuchen. Dann geht sie einkaufen was sie laut Rezept braucht. Zuhause rührt sie alles zusammen, voila zum Kaffee gibts Kuchen. Toll.

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Wenn ich mich entscheide, einen Krimi zu schreiben, dann kann ich mich schon ans Rezept halten und die Recherchen klappen auch noch prima. Aber dann geht es eher zu wie in einem Kindergarten. Ich schreibe hübsch auf einen Zettel:

Freunde, um halb neun gibt es Frühstück, um elf ist Singkreis und um drei sind wir dann fertig.“

Das ist den Ideen aber herzlich egal. Die guten Ideen fesseln mich mit einem Seil an den Stuhl und rennen dann wild brüllend um mich herum. Und wie im Kindergarten kriegt das Kind, welches am lautesten brüllt, meine Aufmerksamkeit.

Am Schluss habe ich schon meinen Marmorkuchen-Krimi. Im Rezeptbuch steht dann halt noch eine witzige Kurzgeschichte für die get shorties Lesebühne, ein Kinderlied für den Lieblingsneffen, ne Schmonzette im Twitter-Format und der Entwurf für ein Gedicht über die emotionale Beziehung zu meinem Handy mit 29 Strophen und mit dem Hinweis: Darum kümmer´ ich mich später. Es gibt noch so viel zu erzählen.

Wie lange brauchst du für die Herstellung eines eigenen Buches?

Kommt drauf an. Mit Deadline schaff ich viel. Ohne Deadline halt nicht. Sagen wir es so: Wenn ich eine Idee habe, samt Plot und die Recherchen sind größtenteils auch schon erledigt, dann kann ich ein Manuskript innerhalb von drei Monaten abliefern. Je mehr Druck, je besser.

Welche Medien durchforstest du vor dem Bücher schreiben?

Kommt drauf an. Manche Geschichten brauchen gar keine Recherchen. Andere Texte kommen ohne einen Ortstermin nicht aus. Das Internet weiß viel, aber nicht alles. Für meine Drachen-Saga musste ich, als Beispiel, wissen was ein Imker mit seinen Bienen im Winter macht – und ob man die Bienen dann immer noch hört. Im Sommer ist ja viel Betrieb, das Gesumm ist laut. Für meine Winter-Frage musste ich mit einem Imker sprechen, und mir einen Bienenstock ansehen.

Wie gemütlich ist dein Schreibtisch eingerichtet?

Meinen Schreibtisch habe ich selbst entworfen und gebaut. Er passt exakt an meine Fensterfront im Wohnzimmer, zwei Mal 45 Grad gewinkelt. Ein riesen Teil. Ich habe gern Platz und ich habe es gern ordentlich. Da sitze ich dann, mit einer Kanne Tee, das Notizbuch neben mir, im Hintergrund 17 Tabs offen und ein bisschen Chill Out Musik dazu. Auf dem Schreibtisch steht noch eine Topfpflanze. Lavendel. Manchmal schubse ich die Blüten ein bisschen an, damit es gut riecht… das fließt auch immer wieder in meine Texte ein.

Wie sieht der Arbeitsalltag eines Schriftstellers aus?

Ich habe feste Schreib-Zeiten und führe auch ein Arbeitstagebuch. Da schreibe ich hinein, wie es mir ging, was ich heute machen will und was morgen. Da sind meine Listen drin: Ideen, Entwürfe, To Do und meine Recherchen. Wenn ich nur schreiben würde, wenn ich auch Lust dazu habe, käme nie etwas dabei heraus.

Ich bin wie eine Katze, ich habe neun Leben. Ein Tag ist reserviert für meine get shorties Aktivitäten: Ideen ausarbeiten, sammeln, grübeln. Ein anderer Tag ist reserviert für meine Blog-Sachen. Der Sonntag ist mein Projekt-Tag. Da habe ich Zeit, Lust und die Möglichkeit direkt nach dem Aufstehen loszuschreiben: Meine kreativste Zeit. Der Zensor schläft noch. Morgens, im Pyjama, mit strubbeligem Haar, arbeite ich am besten. Und am leichtesten.

Wie machst du auf deine Werke im Web aufmerksam?

Ich betreibe einen Blog, bin viel bei Facebook unterwegs, gelegentlich bei Twitter.

Planst du deine Bücher immer von Anfang bis Ende oder verselbstständigt sich ein Charakter auch mal?

Ich arbeite mich für gewöhnlich von hinten nach vorne. Das heißt, ich überlege mir, was ich erzählen will, tüftle dann das Ende aus, die Prämisse, sozusagen und schreibe mich dann zum Anfang der Geschichte hin. Ich erzähle mir selbst als erstes die Geschichte. Das ist eine Mischung aus Plotten und frei schreiben.

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Welches deiner Bücher magst du besonders?

Immer das, an dem ich aktuell arbeite.

Wie suchst du passende Passagen für eine Lesung herraus, ohne zu spoilern?

Bei meinen Auftritten für die get shorties Lesebühne erübrigt sich das. Ich komme zu jedem Auftritt mit einer neuen Kurzgeschichte. Wenn ich aus meinen Romanen lese, wähle ich eine Passage, die zwar spannend ist, die ich vorher aber nicht lang und breit erklären muss. Ich schubse die Zuhörer gern mitten rein, ohne Vorwarnung.

Hast du in deinem Buch einen Lieblingscharakter?

Puh, schwierig. Ich mag sie alle. Wenn ich aus meiner Drachen-Saga jemanden wählen müsste, wäre es Dakota.

Identifizierst du dich selbst mit einer deiner Figuren?

Ich bin alle meine Figuren. Wie sagte Arthur Rimbaud so schön: Ich ist ein anderer.

Gibt es reale Personen, die dich zu deinen Figuren inspirieren?

Mit Sicherheit. Ich befürchte, ich bin mir dessen nur nicht immer bewusst.

Hast du eine Lieblingsszene?

Nein, eigentlich nicht.

Hast du reale Vorbilder für Szenen im Kopf gehabt?

Jein. Da ich eine Drachen-Fantasy-Trilogie geschrieben habe, gab es nicht so viele reale Vorbilder für die Geschichte. Eher anders herum: Ich wusste, was ich nicht wollte: Ein Schlachtepos, Gewalt und viele, langatmige Kampfszenen. Als Schriftstellerin bekommt man früher oder später den Rat: „Schreib das Buch, das du selbst gerne lesen würdest.“ Und das habe ich gemacht. Eine leise Geschichte über Außenseiter, die ihren Platz suchen.

An welchem Projekt arbeitest du gerade?

An einem Liebesroman, der in der wunderbaren Stadt London spielt. Ich habe noch nie eine Liebesgeschichte geschrieben, ich wollte wissen, ob ich das kann. Ich brauch regelmäßig eine Herausforderung. Das Buch erscheint im November 2018. Die Leserinnen werden mir ja dann mitteilen, ob es mir geglückt ist.

Hast du auch mal Schreibblockaden, also Tage an denen gar nichts mehr geht?

Natürlich. Ich visualisiere viele Dinge, um den Irrsinn um mich herum zu verstehen. Mein Schweinehund ist, als Beispiel, eine schwarze, dänische Dogge namens Bentley. Ich bin ein introvertierter Mensch, das bedeutet, ich verliere meine Grenzen manchmal aus den Augen, brauche Zeit für mich allein um nachzudenken. Von anderen Menschen, von zu viel Trubel um mich herum, fühle ich mich schnell ausgelaugt und überfordert. Bentley und ich reden dann miteinander. Er sagt: „Mach Pause, es ist zu viel gerade.“ Das sind dann Tage, an denen nichts mehr geht. Umgekehrt sage ich zu ihm, wenn ich finde er sei zu dominant: „Komm, lass uns eine Hunderunde laufen, draußen. Das ist gut für uns.“ Bentley regelt die Balance zwischen Aktion und Rückzug. Und da kommt Hubert ins Spiel. Hubert ist der Hamster, der in meinem Kopf wohnt. Klingt komisch, ist aber so.

Hubert tauchte auf, als ich als Kind „Zwerg im Kopf“ von Christine Nöstlinger las. Hubert regelt das Chaos im Kopf. Die Balance zwischen den Dingen die rein kommen und dem, was raus muss. Allerdings ist Hubert colasüchtig, kinderriegelabhängig und nachtaktiv. „Leotrim“ habe ich praktisch nachts geschrieben. Bentley und Hubert hatten ziemlich Streit deswegen.

Wann und wo schreibst du?

Zuhause, an meinem Schreibtisch. Oder Nachts, wenn mich eine Geschichte umtreibt, tippe ich alle Ideen ins Handy, manchmal tausend Wörter, um die ich mich dann morgens, ausgeschlafen kümmere.

Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst?

Beides. Ich fange mit einer Idee an, spüre dem Sound nach, den die Geschichte hat oder haben könnte. Sobald ich weiß, ob es „nur“ eine Kurzgeschichte wird oder doch was längeres, mache ich mir einen Plan; was ist wann zu tun / Recherchen / Plot / Figuren etc. Ich habe für alles eine Liste und führe ein Schreibtagebuch, damit ich mich nicht verzettele und meine Termine einhalte. Für die Lesebühne brauche ich, als Beispiel, ca. 6 bis 8 Kurzgeschichten im Jahr. Manchmal arbeiten wir mit einer Vorgabe, einem Satz oder einem Foto. Da macht es mir dann großen Spaß, einfach los zu legen und zu sehen, was passiert und wo es hinführt. Das kann ich bei einem Roman, der eine Geschichte über 200 Seiten tragen muss, nicht.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt, zu schreiben?

Ich glaube, es ist in einem. Ich habe meinen Eltern schon im Alter von sieben Jahren gesagt, dass ich eine Schriftstellerin bin. Als ich mit der Schule fertig war, habe ich ein Fernstudium gemacht und mich mit dem Handwerk beschäftigt. Allerdings ist das Schreiben eine Kunst in der man es nie zum Meister bringen wird. Ich glaube, Hemingway hat das gesagt. Und ich finde er hat Recht. Man verändert sich ja dauernd. Heute schreibe ich andere Texte als noch vor zehn Jahren, weil sich auch die Themen verändert haben, die mir wichtig sind. Und dann wurde ich auch mutiger, mit der Zeit. Als ich anfing, war ich ein schüchternes kleines Ding, das vorsichtig in die Welt hinein flüsterte: „Ich schreibe!“ und es war wie ein Geständnis. Heute würde ich mich nicht als „Rampensau“ bezeichnen, aber viel fehlt nicht mehr dazu. Ich besuche ein mal im Jahr ein Schreibseminar, lese regelmäßig Schreibratgeber und tausche mich mit den Kollegen aus. Durch die Lesebühne bin ich auch nah am Publikum dran, sehe und höre also sofort ob ein Text gut ankommt oder nicht. Ich lerne, vor Publikum. Wer weiß, was ich in zehn Jahren für Texte schreibe.

Hoffentlich bessere, mutigere als heute. Ich möchte wie Löwenzahn wachsen, sichtbar blühen und dann, am Ende zart und leise davon wehen.

Was bedeutet es für dich, Autor zu sein? Womit kämpfst du als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das Schreiben ist mein Zuhause. Hier kann ich sein. Im Alltag da sind wir alle viele Personen. Tochter, Mutter, Freundin, Arbeitskollegin, Kundin. In jeder Situation verhalten wir uns anders.

Ich rede mit meiner Mutter anders, als mit der Nachbarin. Im Büro verwende ich keine Schimpfwörter, am Freitagabend mit den Freundinnen in einer Bar klinge ich anders. Da dürfte Mutti mich nicht hören. In manchen Momenten frage ich mich, welche Caro eigentlich die echte, die richtige ist. Wenn ich allein bin.

Es gibt ein unglaublich schönes Gedicht von Shel Silverstein über die Masken, die wir tragen. In dem Gedicht suchen zwei nach einem Menschen, der blau ist und sie verbergen aber, dass sie beide blau sind. Sie erkennen sich nicht.

Wenn ich schreibe, trage ich keine Maske. Alle Personen, die ich bin, werden zu einer. Ich finde heraus wie ich über die Welt und ihre Fugen denke, lerne mich dabei selber besser kennen, sehe, über welche Dinge ich lachen kann, über welche nicht. Die besten Texte sind die, die ich mit großer Emotion geschrieben habe, Dinge über die ich mich ärgere, die mich freuen oder die ich liebe. Ich fasse in Worte, was ich sehe. 

Für die meisten Menschen ist wohl ein Ort ihr Zuhause, für mich ist es ein Gefühl. Wenn mich einer fragt, was ich bin, dann sage ich laut „Schriftstellerin“ und leise in mich hinein „unfertig.“ Eine Geschichte oder gar ein Buch zu veröffentlichen bedeutet ja nicht, dass man nun fertig ist und alles erreicht hat. Wie im Job; Ausbildung, Prüfung, Arbeitsleben. Im Beruf kann ich Berufserfahrung sammeln. Beim Schreiben braucht es Lebenserfahrung und dafür gibt es kein Zertifikat mit wichtigen Unterschriften drunter. Im Gegenteil.

Vermutlich werde ich in fünf Jahren zurück schauen, mein Büchlein an einer beliebigen Stelle aufschlagen und einen Rechtschreibfehler finden. Und dann werde ich lächeln, nachsichtig darüber hinweg sehen, und mich freuen, dass sich meine Texte, also der Inhalt so wie die Erzählweise, weiter entwickelt haben. Fertig werde ich dann immer noch nicht sein. Ich hoffe sehr, dass ich diesen Prozess bis ins hohe Alter wiederholen kann. Vielleicht kann ich sogar, so wie ich angefangen habe, entscheiden aufzuhören, und es gut sein lassen. Nachdem ich erzählt habe, was mir wichtig war.

Das Buch ist nur eine Stufe auf einem langen Weg. Und der verläuft nicht gerade oder nur bergauf, der hat Steine und viele Kurven, Schlaglöcher und Gruben. Neulich sagte ich zu einem Kollegen, dessen Buch ich gelesen hatte: „Ich träume nachts davon, solche Geschichten wie du zu schreiben.“ Und ich meinte es so, es war ein großartiges Buch, gleichzeitig dachte ich: Sowas, das schaffst du nie. Dabei habe ich bestimmt ein Dutzend Dinge erreicht, von denen ich dachte, dass ich sie nie schaffen würde. Ich werde also weiter schreiben und sehen was passiert.

Ich denke manchmal, auf dem Weg hierher, da habe ich keine Grube ausgelassen. Das ist aber gar nicht schlimm. Ich habe gelernt wieder heraus zu krabbeln, ich habe gelernt zu scheitern, und dann weiter zu machen. Ich mache immer weiter. Weil ich das Schreiben liebe. Ich liebe es geschrieben zu haben.

Was denkst du, ist wichtiger für einen guten Roman: Eine interessante Protagonistin, so dass der Leser mit ihr durch die Geschichte gehen will, oder aber eine packende Geschichte, die ihren eigenen Sog entwickelt?

Das eine ergibt das andere. Im besten Fall.

Hast du ein Lieblingszitat aus deinem Buch?

Ein Summen erfüllt die Weite um ihn herum wie ein Schwarm Fliegen. Ein Stern summt mit seinem Licht zum nächsten und wieder zum nächsten und so ist das ganze Universum umspannt von einer summenden Lichterkette, die alles sieht – was war und ist und wird. Sie rufen seinen Namen. Silván.

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